Hochzeit mit einer Leiche

Chadil mit seiner geliebten Sarinya bei der Hochzeit, die auch gleichzeitig Beerdigung war

Chadil mit seiner geliebten Sarinya bei der Hochzeit, die auch gleichzeitig Beerdigung war

Ein junger Mann heiratet seine tote Freundin. Romantisch bis über den Tod hinaus oder einfach krank?

Anfang Januar verbreitete sich das Foto von Chadil Yinguen, auch Deffy genannt, wie ein Virus auf den Seiten Facebooks. Insgesamt wurde es über 50.000 Mal im Internet geteilt. Auch zahlreiche internationale Zeitungen aus Australien, Amerika und Europa berichteten über die morbide Hochzeit.

Sarinya bekommt einen letzten Kuss von Chadil

Sarinya bekommt einen letzten Kuss von Chadil

Steht er auf Gothic oder betet gar den Teufel an? Als ich Chadil zum ersten Mal treffe, bewahrheiten sich keine meiner Vermutungen. Ein ganz normaler, junger Mann. Er arbeitet beim Film, interessiert sich für Musik und verkauft am Wochenende Antiquitäten auf dem hippen „Train Market“ in Bangkok. Er wirkt aufgeschlossen und interessiert, nur wenn er von seiner Freundin spricht, wirkt er traurig, aber gefasst.

Der Unfall ereignete sich am 19. Dezember 2011. Sarinya Khamsuk war in Bangkok  mit einem Motorradtaxi unterwegs, als dieses mit einem anderen Fahrzeug zusammenstiess. Sie lag  zwei Wochen im Koma, bevor sie aufgrund ihrer Verletzungen verstarb.
Chadil hatte nie die Gelegenheit noch einmal mit ihr zu sprechen, noch einmal ihr Lächeln zu sehen oder ihr zu sagen, wie sehr er sie liebt.

Die beiden waren seit knapp zehn Jahren ein Paar und hatten beschlossen zu heiraten. Jedoch sollte dies erst in sieben Jahren geschehen, beide fühlten sich noch nicht bereit und zuerst wollte Chadil sein Studium beenden.

Auf immer und ewig: Sarinya und Chadil

Auf immer und ewig: Sarinya und Chadil

„Einmal sagte Sarinya im Spaß, dass sie bis dahin vielleicht schon tot sei. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Sie war ja lebendig“, erzählt Chadil. Doch diese Erinnerung versetzt ihm jetzt einen tiefen Schmerz. Er bedauert, dass er seine Gefühle ihr gegenüber nie so offenbart hatte, wie sie das immer getan hat. Er sei, dafür einfach nicht der Typ. Aber nun wollte er zeigen, wieviel sie ihm bedeutete.

Aus der Beerdigung machte er gleichzeitig eine Hochzeit. Die Gäste waren  verwirrt. Sie fanden die junge Sarinya aufgebahrt und geschminkt in einem weißen, kurzen Hochzeitskleid aus Spitze, weiße, gemusterte Strumpfhosen und ebensolche Spitzenhandschuhe. Chadil selbst trug einen schwarzen Frack und Zylinder.

Chadil Deffy (rechts) während des Drehs in Surin mit seiner, Mutter Bunapaa Yuenying und dem besten Freund des Pärchens, Khomsan Thima (links)

Chadil Deffy (rechts) während des Drehs in Surin mit seiner, Mutter Bunapaa Yuenying und dem besten Freund des Pärchens, Khomsan Thima (links)

Nachdem er eine kurze Rede hielt, tauschte er mit der reglosen Braut Ringe aus und küsste sie. „Ich hatte gar nicht das Gefühl, dass ihr Körper schon kalt war. Das habe ich gar nicht so richtig wahrgenommen. In dem Moment habe ich nur gedacht, das ist die Frau, die ich liebe. Und sie sah auch nicht aus wie eine Leiche, sondern wie meine Freundin, die schläft.“

Als romantisch empfindet Chadil seine Tat nicht. Es war ihm wichtig es zu tun, weil er überzeugt ist, dass es richtig war. Er hatte ihr versprochen sie zu heiraten, und dieses Versprechen hat er gehalten.

 

Bangkoks Hebammenpolizisten

Stellen Sie sich vor, Sie leben in Bangkok, sind schwanger und genau zur täglichen Rushhour setzen die Wehen ein: Autochaos, endloser Stau, niemand weicht aus, nicht einmal dem Krankenwagen wird Platz gemacht. Normale Verkehrsszenen, wie man sie täglich sieht in Bangkok – aber für mich als Schwangere im 9. Monat eine Horrorvorstellung, die in wenigen Wochen Realität werden könnte.

Durch Zufall hörte ich nun kürzlich- gerade besonders sensibel für dieses Thema – von Bangkoks Hebammenpolizei.

Denn tatsächlich ist man sich in der Millionenmetropole dieses Problems bewusst, ca. ein bis zwei Babies pro Monat kommen mitten in Bangkok im Stau zur Welt. In Taxis oder am Strassenrand. In anderen Großstädten würde man sicherlich versuchen, das Problem zu lösen, indem man die Stausituation verbessert, aber in Bangkok hat man offensichtlich resigniert. Und so hatte der König persönlich schon vor 14 Jahren ein Projekt ins Leben gerufen: die sogenannte Hebammenpolizei. Motorradpolizisten mit spezieller Geburtshelferausbildung schlängeln sich durch den Verkehr zu den Notgeburten. Allerdings gibt es nur zwei Spezialisten bislang. Zu wenige, befand man nun und weitere 94 Verkehrspolizisten wurden vergangenen Monat zur Hebammenausbildung ins Bangkok Hospital berufen. Und ich habe mir das einfach mal persönlich angeschaut.

Polizeifortbildung Hebamme

Polizeifortbildung Hebamme

Vor dem Gebäude parken fast 100 Polizei-Motorräder. Im siebten Stock, im Seminarraum, hat sich ein Großteil von Bangkoks Verkehrspolizei zur Fortbildung eingefunden. Erste Hilfe, Schwerpunkt Geburtshilfe, steht auf dem Programm an einer Tafel. 94 Herren in voller brauner Dienstuniform spähen erst einmal auf das Buffet und grinsen dann verlegen angesichts der schwangeren deutschen Reporterin.

Thailändische Presse ist nur kurz anwesend, als sich zu Beginn Police General Wichian Pojphosri die Ehre gibt, Thailands National Police Chef höchstpersönlich schaut mitsamt seinem Gefolge bei dem Seminar vorbei. Das zeigt die Wichtigkeit der Anliegens, wird mir zuflüstert.

Ehe ich mich versehe, wird er vor mich und mein Mikrofon geschoben und bevor ich selber irgendetwas fragen kann, fängt er an zu sprechen. In Englisch referiert er endlos lange und leise über das thailändische Polizeiwesen. Als ich endlich zu Wort komme, frage ich ihn: „Mal ehrlich, Khan Wichian, das einzige, was ich doch heute hier wissen möchte: wenn ich also nächste Woche im Stau Wehen bekomme, können ihre Männer mir dann fachgerecht helfen oder nicht?“ Seine Begleiter raunen ein wenig, offenbar ist die Frage zu frech und direkt. Der Polizeichef aber lacht verblüfft und versichert mir, dass besonders schwangeren Ausländern besonders gut geholfen wird und schüttelt mir begeistert beide Hande. Danach muss ich allerdings erst einmal 10 Minuten gemeinsam mit ihm für Fotos posieren. Eine Frau erklärt mir: in Thailand würde man im 9. Monat keine Hosen mehr tragen und überhaupt, so enge T-Shirts seien ja schlecht fürs Baby… Also gut, ich lasse mich brav als Sensation ablichten.

Dann aber geht es los im Seminarraum. Rollenspiel ist der erste Fortbildungspunkt:

Eine Szene wie aus einer schlechten thailändischen Seifenoper: „Oh, aua, aua, ich habe Wehen, mein Baby kommt und ich bin ganz alleine, wer kann mir helfen?“ Eine (unechte) schwangere Thailänderin im anständigen hellblauen Bärchenkleid läuft jammernd durch den Seminarraum. Ein freundlicher Polizist erscheint sofort auf dem Motorrad (das extra in den 7. Stock geschafft wurde), springt ab und salutiert. Die Frau schreit ein bisschen lauter – und zwei Minuten später ist das Baby da. Ein sauberes Plastikbaby wird auf der Bühne aus einer Bauchattrappe gezogen. „Den Kopf zur Seite drehen, das ist wichtig“ erklärt eine anwesende Ärztin noch.

Ich frage zwei der zuschauenden Polizisten gleich nach ihrem ersten Eindruck.

„Das kann ich jetzt auch. Das Baby kommt ja von alleine raus, da muss man nur ein bisschen helfen.“ sagt der eine ernsthaft.

Sein Nachbar nickt zustimmend: „Ja, ich glaube, das kann ich jetzt. Das ist doch leicht.“

Ich allerdings habe beim Zuschauen durchaus noch Zweifel an dieser Hebammen-Schnell-Ausbildung. Und auch die Theroriestunde verspricht mir zunächst nicht viel Gutes: Bei der Videopräsentation zu sanfter Musik schlafen die meisten Herren sofort ein, ungeniert schnarcht ein Polizist neben mir mit dem Kopf im Nacken. Ein anderer liegt auf dem Schreibtisch.

Dann wird gelernt, wie man sich die Hände richtig desinfiziert. Mit ernsten Gesicht reiben sich die Polizisten 10 Minuten lang die Hände.

Ich habe erst einmal genug gesehen. Vor dem Krankenhaus treffe ich Wachtmeister Pichet Visetchote. Der 38jährige ist einer der beiden bereits ausgebildeten Hebammen-Verkehrspolizisten. 24 Geburten im Stau hat er schon erfolgreich gemanagt. Statt Strafzettelblock hat er einen speziellen Erstehilfekoffer auf seinem Motorrad. Er zeigt ihn mir: Desinfektionsmittel, kleine Geräte, um die Atemwege des Babys zu reinigen, Klemmen und Tücher.

„Hier, schauen Sie: das z.B. ist immer ganz wichtig: sterile Unterlagen und viele Tücher, wenn die Frauen stark bluten.“

Khun Pichet stellt mir eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm vor: Narumon Mahakan hat meine Horrorvorstellung – Geburt in der Rushhour – genau vor 4 Wochen erlebt. Die 23jährige dachte, die Wehen seien erst leicht, wollte per Taxi zum Krankenhaus, aber dann: stundenlanger Stau!

„Ich saß im Taxi und nichts ging voran.“ erzählt sie mir. „Und dann ist meine Fruchtblase geplatzt und mitten auf der Autobahn kam dann auch superschnell das Baby raus. Einfach so, ohne Hilfe! Ich hatte fürchterliche Angst!“

Der Taxifahrer rief die Polizei, Sergeant Pichet kam schnell. Er konnte noch rechtzeitig die Atemwege von Baby Jirawat säubern, die Nabelschnur abklemmen und die Mutter fachgerecht versorgen. Als Narumon hilflos im Taxi lag und Pichet sah, war sie sehr froh, erzählt sie weiter: „Ich hatte schon mal von diesem Projekt gehört. Ich wusste darum: nun ist keine Gefahr mehr für mich und mein Baby!“

Geburt in einem Bangkoker Taxi

Geburt in einem Bangkoker Taxi

Bislang waren alle Geburten im Stau relativ problemlos, erzählt der Hebammenpolizist: „Allerdings kämen wir an unsere Grenzen, wenn ein Baby z.B. falsch herum liegt.“ Dann würde er versuchen, einen Arzt auf einem Motorrad durch den Verkehr zu holen oder doch das Taxi irgendwie durch die Autolawinen zum nächsten Krankenhaus zu lotsen, sagt er.

Im Seminar sollen an diesem Tag also auch Pichets Kollegen den Job lernen. An den Plastikmodellen dürfen nun Freiwillige die reibungslose Geburt selber üben, immer wieder begleitet von theatralischem Geschrei einer Frau, das die reale Situation simulieren soll.

Auch Pichet und sein Kollege hatten schliesslich zunächst nur an der Puppe gelernt, aber die Jahre brachten Erfahrung. Noch eins „seiner“ Babies ist an diesem Tag zum Bangkok Hospital gekommen: Der kleinen Pakamon half er vor 2 Jahren im Honda Jazz auf der Autobahn auf die Welt. Pichet hat heute noch eine besondere Bindung zu fast jedem Kind. Er sagt, sie machen aus seinem Beruf etwas ganz besonderes.

Der Polizist nimmt die Kleine auf den Arm: „Verkehrssünder zu jagen ist doch langweilig!“ Er lacht: „Das mache ich auch manchmal, aber ich mache den Hebammen-Job viel lieber, da ich so den Leuten wirklich helfen kann. Den Frauen bei der Geburt zu helfen – das ist doch was tolles!“

Seine Kollegen sind aber nach einem Tag noch lange nicht so weit. Immerhin haben sie am Ende des Seminars zumindest das Hände desinfizieren fachgerecht erlernt. Bis zu einer richtigen Geburt allerdings fehlen sicherlich noch einige Stunden ernsthafte Theorie.

Ob diese Polizisten hier heute alle qualifizierte Geburtshelfer geworden sind, wage ich also zu bezweifeln, aber von Khan Pichet habe ich mir die Handynummer mal geben lassen. Vorsichtshalber! Ansonsten aber hoffe ich doch sehr, dass meine Wehen nicht zur Rushhour einsetzen werden.

Und so ist die Hebammenausbildung der Polizisten ja immerhin eine kleiner Versuch – und immerhin, mehr als 100 Bangkoker Mütter sind bis heute jedenfalls dankbar.

Online-Stream: http://www.n-tv.de/mediathek/sendungen/auslandsreport/Polizisten-ueben-sich-als-Geburtshelfer-article1805741.html